Oktober/2008: Alexanderplatz - Alkoholverbot für Jugendliche - und was dann??
Jugendliche nutzen den Alexanderplatz seit Jahren als Treffpunkt.
Ganz gleich, welcher Gruppierung sie angehören, hier treffen sie sich, tauschen sich aus, gestalten gemeinsam ihre Freizeit und planen ihre Unternehmungen.
Sie sind Teil des urbanen Lebens des Platzes und identifizieren sich mit „ihrem“ Platz, der für viele von ihnen auch zu einer Art Sozialisationsinstanz geworden ist.
Sozialisationsinstanz ist der Alex in dem Sinne, als dass der öffentliche Raum ihnen als "Aneignungs- und Bildungsraum" dient; sie machen Erfahrungen, initiieren Selbstregulierungsprozesse und bringen sich in die Gestaltung gesellschaftlichen Lebens ein. Sie nutzen den öffentlichen Raum zur Selbstdarstellung, aber auch um Grenzen auszutesten und zu hinterfragen.
"Für Jugendliche kann der öffentliche Raum sogar zu einem Kristallisationskern für die individuelle Identitätsbildung und für die immer länger andauernde Initiation in immer komplexere Gesellschaften werden." (Wüstenrot Stiftung Hrsg. 2003)*
Öffentlicher Raum, den Jugendliche zu ihrem Treffort erklären, wird jedoch nicht nur durch Jugendliche genutzt. Gerade der Alexanderplatz wird von sehr vielen unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Interessen betrachtet.
AnwohnerInnen möchten gerne möglichst viel Ruhe haben und schicke Grünlagen, Gewerbetreibende möchten attraktive Flächen und TouristInnen möchten die Sehenswürdigkeiten, die der Platz bietet, genießen können.
Die Tatsache, dass sehr viele Jugendliche den Alexanderplatz für sich als Treffort auserkoren haben, wirkt auf manche störend. Wo sich viele Menschen treffen, ist es laut, es fällt Müll an. Viele, zum größten Teil schwarz gekleidete, junge Menschen machen anderen vielleicht auch Angst.
Außerdem wird an solchen Trefforten auch manchmal Alkohol konsumiert. Auch dies ist ein Bereich, in dem Jugendliche sich ausprobieren, ihre Grenzen austesten und so auch langsam in eine Gesellschaft hineinwachsen, in der Alkoholkonsum zum alltäglichen Leben dazugehört.
Die Tatsache, dass Jugendliche "Raum" brauchen, um all ihre Bedürfnisse, die besonders wichtig sind in der Jugendphase (wie zum Beispiel ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Austausch und Orientierung, Selbstdarstellung etc.) wird von der Gesellschaft oft wenig oder gar nicht beachtet.
Für Kinderspielplätze gibt es Spielplatzkommissionen etc. - Jugendliche hingegen haben wenig Möglichkeiten, ihre Interessen in diesem Bereich durchzusetzen.
Im Gegenteil, der öffentliche Raum, den sie nutzen, wird schnell durch bestimmte Gesetze (Allgemeines Gesetz zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Berlin) zum "gefährlichen Ort" erklärt, welche dann die Begründung dafür geben, dass Jugendliche bei auftretenden Problemen aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden können.
Das ist das, was zum Beispiel gerade am Alexanderplatz passiert.
Traurig an diesen Maßnahmen ist immer, dass viele Menschen sich über das "Problem am Alexanderplatz" den Kopf zerbrechen und in unzähligen Gremien und Runden über die Jugendlichen geredet wird, aber dass diejenigen, um die es eigentlich geht - nämlich die Jugendlichen selbst - selten oder nie gefragt werden oder miteinbezogen werden.
Viele Jugendliche vom Alexanderplatz haben jetzt die Initiative ergriffen und möchten gerne auch gehört werden, wenn es um sie und ihre Belange geht. Der Film, den die Jugendlichen über "ihren" Alex gerade drehen, ist nur der Anfang. In vielen Internetcommunities tauschen sie sich seit längerem aus und diskutieren aus ihrer Sicht unter anderem über die Problematiken am Alexanderplatz.
Dazu gehört das angekündigte Alkoholverbot; sie haben aber auch alle anderen Problematiken im Blick. Ein erstes Treffen und einen gemeinsamen Austausch hat es auch schon abseits des Alexanderplatzes gegeben, an dem sich 130 Jugendliche beteiligt haben - und es gab engagierte Diskussionen und Vorschläge, daran mitzuwirken, dass der Alexanderplatz ein attraktiver Platz für alle NutzerInnengruppen wird.
Wenn wir ernsthaft daran interessiert sind, Jugendliche an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen und sie als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft ernst nehmen, sollten wir offene Ohren für ihre Ansichten und Vorschläge haben und nicht zuallererst mit Verboten auf Probleme reagieren
Wir freuen uns auf eine angeregte Diskussion und sind gespannt auf Ihre Ideen und Vorschläge.
Das Gangway Team Mitte-City
*Wüstenrot-Stiftung (Hrsg.): Jugendliche in öffentlichen Räumen der Stadt. Chancen und Restriktionen der Raumaneignung. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 295 Seiten. ISBN 978-3-8100-4044-2.
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